Kritischer Konsum und die Überwindung des eigenen Schweine-Otters

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Es ist Samstag Nachmittag. Ich lehne an der Tür meines Kleiderschranks und versuche mich daran zu erinnern, in welchem Kleidungsstück ich mich so richtig gut fühle. Aber meine Suche bleibt erfolglos. Ich mache ihn wieder zu und entschließe mich, das verschwitzte Kleid von gestern mit ein wenig Deo wieder fit zu machen. Dabei krame ich meinen Laptop hervor und befrage das Internet nach einer Lösung des mir auf einmal wirklich essentiell erscheinenden Problems. Ich habe NICHTS zum anziehen!
Nach ca. 2 Stunden – die Zeit verging wie im Flug und eigentlich hatte ich ganz andere Pläne für den Tag…– flimmern meine Augen und ich entscheide mich, mal an die frische Luft zu gehen. Ein bisschen was im Supermarkt einkaufen damit der Sonntag ernährungstechnisch nicht wieder so mau ausfällt.

Ich kaufe Kaffee, staune über die vielfältige Auswahl in den Regalen und überlege, welcher wohl den besten Job übernimmt, mich morgen früh wieder gesellschaftsfähig zu machen. Na gut, nehmen wir den mit den Fairtrade-Logo. Ist ja Anfang des Monats, da ist das locker drin. Und man tut ja das Richtige. Bei Kaffee ist mir das wichtig, denke ich, während er im Korb neben Bananen, Eiern (selbstverständlich Bio, denn jeder, so denke ich, weiß ja inzwischen, dass man nicht die aus der Legebatterie isst), einem Liter Milch und Forellenfilet landet. Ich zahle dafür gerade mal 8 Euro. „Ein Schnäppchen“, freue ich mich, während ich auf eine Regung im Gesicht der Supermarktverkäuferin warte. Doch die bleibt aus.

Auf dem Weg nach Hause komme ich an einem Stand von Tieraktivisten vorbei. Sie fragen mich, ob ich ihren Newsletter erhalten will oder Lust habe, etwas zu spenden. Ich quatsche ein bisschen mit dem attraktiven Typen mit der Spendenbox, zeige Interesse am Schutz des Fischotters, lehne jedoch die monatliche Spende von 5 Euro zum Erhalt seiner Lebensräume ab. Die Begründung: „Weißt du, ich bin gerade erst mit dem Studium fertig…“ Als er weiter nachbohrt, erkläre ich ihm, dass ich noch keinen Job gefunden habe und „echt erst mal selbst schauen muss, wie das mit dem spärlich gefüllten Konto so läuft“. Der Otter muss warten. Tierliebe hin oder her.

Als ich mich zu Hause wieder vor den Laptop setze, ist die Zalando-Seite noch geöffnet. Im virtuellen Einkaufskorb liegen 2 Shirts und ein Jerseykleid. Irgendwie fühle ich mich ertappt. Nicht unbedingt wegen der Fischotter. Da ist etwas anderes, viel größeres, das mir schwer im Magen liegt. Ich sehe mich um. Der Blick auf die schönen alten Möbel, die ich mit viel Zeit und Liebe erst beim Flohmarkt gekauft und dann selbst restauriert habe, beruhigt mich kurz. Doch mein Blick wandert weiter. Auf das Schuhregal, die Kleiderstange, die Türen des Kleiderschranks.

Ich liebe schöne Dinge. Meine ersten Nike Air Force One trug ich mit gerade mal zwei Jahren! Später begleitete mich das Modell durch meine Teenie-Zeit. Ja, Sneakers sind gut. Woher sie stammen und wer sie macht, hat mich damals nicht interessiert. Heute schon. In meinem Freundeskreis reden wir viel über solche Dinge. Wie kann man leben, ohne dass Menschen, Tiere oder unsere Umwelt ausgebeutet werden? Wie können wir einen Beitrag dazu leisten, dass die Welt nach uns nicht im Chaos versinkt? Wie können wir uns gegen Strukturen wenden, die darauf basieren, dass wir die Gewinner und andere die Verlierer sind? Das sind wichtige Themen, in denen ich eine starke Eigenverantwortung spüre. Warum aber zeichnet der Gang durch meine Wohnung ein gänzlich anderes Bild?

Unverrichteter Dinge schließe ich die Zalando-Seite. Passend zum Thema läuft im Radio gerade ein Interview mit der Frauenrechtlerin Gisela Burckhardt zum Thema Ausbeutung von Näherinnen.

Ich suche nach einer Antwort für mein Kaufverhalten, das sich nur bedingt mit meinen Überzeugungen deckt. Schnell lande ich wieder beim Thema Geld. Wenn ich mal richtig Geld verdiene, DANN trage ich nur noch „saubere“, also fair gehandelte Mode, kaufe die besten Lebensmittel in Bioläden und lege mir endlich ein Fairphone zu. Wenn ich nur mehr Geld habe, so sage ich mir, kann ich endlich so leben, dass es niemandem wehtut. Auch nicht mir selbst. Faktisch bin ich von diesem Punkt jedoch meilenweit entfernt.

Das Problem liegt auf der Hand: Wir, die den Anspruch haben, nachhaltig zu leben und kritisch zu konsumieren, um unsere Gesellschaft Stück für Stück zu verändern, stehen in Gefahr, diese Konzepte zwar in der Theorie zu denken, aber nur halbherzig zu leben. Wir vertreten in Diskussionen Positionen sozialer Gerechtigkeit, leben unsere Fastfood-Gelüste in veganen Läden aus, posten auf Facebook Beiträge über furchtbare Produktionsbedingungen irgendwo weit weg, doch im gleichen Zug stehen wir in der endlos lang wirkenden Kassenschlange einer großen Ladenkette, um Produkte zu kaufen, von denen wir genau wissen, dass sie nach ethischen Maßstäben eigentlich nicht vertretbar sind. Dabei reden wir uns ein, dass es eine Ausnahme sei und wir das Gekaufte nächstes Jahr an Menschen mit Fluchterfahrung spenden könnten… Dabei immer im Hinterkopf: die leere Versprechung, dass wir in Zukunft, wenn endlich mehr finanzielle Ressourcen vorhanden sind, alles anders machen.

Vor einiger Zeit habe ich einen Selbstversuch gestartet. Ich ging für 6 Monate zum Studieren nach Dänemark und nahm das zum Anlass, zu prüfen, welche Dinge ich wirklich brauche. Ich reduzierte meinen Kleiderschrank und den restlichen Kram auf das, was in meinen Reiserucksack passte. Den Rest verschenkte ich. Lebensmittel holte ich mir in der Zeit regelmäßig aus den Müllcontainern der nahegelegenen Supermärkte. Das Resultat: mir fehlte es an nichts. Weder vermisste ich all die Dinge, die ich zu Hause weggegeben hatte, noch hatte ich das Bedürfnis, Geld für günstige Nahrung aus dem Supermarkt auszugeben. Stattdessen lebte ich zu einem beachtlichen Teil von dem, was andere wegwarfen oder verschenkten. Das ist jetzt drei Jahre her.

Der Versuch hat mir gezeigt, dass ein nachhaltiger Lebensstil nichts, aber auch rein gar nichts mit den eigenen finanziellen Mitteln zu tun hat. Es geht darum, Prioritäten zu setzen. Es geht um die Bereitschaft, Sicherheiten und Bequemlichkeiten aufzugeben. Um die Bereitschaft, kreativ zu werden.

Wieder zurück an meinem Kleiderschrank finde ich immer noch nichts, was ich gerne anziehen möchte. Aber anstatt mich zu bemühen, neue Schnäppchen zu shoppen, rufe ich lieber meine Schwester in Berlin an. Als wir noch zusammen wohnten, war es völlig selbstverständlich, dass wir unsere Kleider austauschten. Wir verabreden uns für den nächsten Monat und wissen beide, dass uns das vor der nächsten Kleiderschrank-Sinnkrise bewahren wird. Manchmal kann es so einfach sein.

Ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit und kritischen Konsum ist wichtig. Noch wichtiger aber ist es, daraus auch Konsequenzen für das eigene Verhalten zu ziehen. Dieser Ansatz ist nichts bahnbrechend Neues. Im Gegenteil. Dieser Gedanke wurde – gerade in meinem persönlichen Umfeld – schon tausendfach gedacht. Doch macht sich das wirklich bemerkbar? Oder übertönen unsere Worte in Diskussionsrunden und unsere Social Media-Posts vielleicht oft den Haken an der Sache: nämlich die eigene Bereitschaft, etwas grundlegend zu verändern?

Während ich diese Zeilen schreibe, klingelt es an der Tür. Ein für mich adressiertes Paket. Ich ahne, was sich darin befindet. Ohne sie richtig anzusehen stelle ich die neuen Vans ins Schuhregal, wo sie von den anderen Sneakers willkommen geheißen werden.


Silja van Teijlingen, 27 Jahre jung und glücklichst verheiratet, hat Skandinavistik und Medienkulturwissenschaften studiert. Vor kurzem nach Leipzig ausgewandert, hat sie ein eindrückliches Faible für Otter und ein offensichtliches Händchen fürs Schreiben.